Beitrag CRITICAL ENTRIES
Raumaneignung und die Relevanz von Sichtbarkeit
Part 1
Räume sind nicht neutral; sie unterliegen Machtsystemen, die ein- oder ausschließen. Obwohl öffentlicher und institutioneller Raum eigentlich ein gemeinsames Gut ist, ist er nicht für alle gleichermaßen sicher und zugänglich: Bauliche Barrieren, einschüchternde Architektur, Stigmatisierungen und strukturelle Gewalt benachteiligen FLINTA* und andere marginalisierte Gruppen und zeigen, dass Körper und Raum nicht getrennt voneinander zu denken sind.
Wer nutzt welche Räume?
Aufgrund dieser politischen und sozialen Prägung, wird die Nutzung von Raum – sich in ihm einzurichten, ihn performativ zu gestalten oder durch Interventionen einzunehmen – unweigerlich zum feministischen Akt.
Wer geht ins Museum und wer nicht?
Auch museale Räume sind öffentliche Orte, an denen sich Dynamiken von Ein- und Ausschlüssen reproduzieren und zuspitzen. Gleichzeitig bieten sie Potenzial, soziale Teilhabe und Sichtbarkeit zu fördern. Michel Foucault beschreibt Museen als Gegenorte mit Zeigefunktion. Diese „Heterotopien“ sind reale Orte, die zugleich von allen anderen Orten getrennt und doch mit ihnen verknüpft sind; sie durchbrechen oder spiegeln gesellschaftliche und räumliche Logiken und machen unsichtbare Ordnungen, Normen und Machtverhältnisse sichtbar. Die queer-feministische Aneignung dieser Räume hat daher eine besondere Zeigefunktion.
Wer und für wen wird dort ausgestellt?
Es liegt an uns Kulturschaffenden, dieses Potenzial zu nutzen und Formate zu entwickeln, die gerechten Zugang zu Räumen, Wissensbeständen und Sichtbarkeit ermöglichen.
TAKING SPACE IS A FEMINIST ACT
Part 2
Im Sommer 2025 widmete sich die Ausstellung TAKING SPACE IS A FEMINIST ACT der transformativen Kraft queer-feministischer Raumaneignung. An der Schnittstelle zwischen Widerstand und Fürsorge handelte sie von künstlerischen und aktivistischen Praktiken, die Räume subversiv aneignen, Protestplattformen schaffen oder Orte für Solidarität, Austausch und Sichtbarkeit initiieren. Sie zeigte Räume nicht als neutrale Architekturen, sondern als dynamisches und verhandelbares Terrain.
Die Beteiligten verhandelten Themen wie Gewalt, Machtungleichheit und gesellschaftliche Ausschlüsse und machten marginalisierte Erfahrungen hör- und sichtbar. Durch Beteiligungsformate wie Lesekreise, Open Calls oder Tanzperformances entstanden vielfältige Anknüpfungspunkte.
Unter anderem erzeugte die raumgreifende Installation “Pleasure Pool x Constellations” von POLIGONAL und Renée Tischer einen spielerischen, intimen Gegenraum, der sich mit leichten und weichen Materialien der gradlinigen, heteronormativen Architektur widersetzte. Verbunden mit Hörbildern entstand ein Ort des Erzählens und Zuhörens über verschwundene und verdrängte Orte queerer Stadtkultur.
Daneben zeigte eine Videoarbeit anti-patriarchale Protestaktionen des Kollektivs LASTESIS, dessen Schaffen versucht, feministische Theorien aus akademischen Räumen zu lösen und zugänglicher zu machen. Durch die Performances werden jene öffentlichen Räume zu Orten der körperlichen Selbstbestimmtheit, die fur marginalisierte Gruppen keine sicheren Orte darstellen.
Mit Audiowalks “GOSSIPS” von Lara Stöhlmacher wurden Erzählungen über das private Aushandeln scheinbar öffentlicher Räume hör- und somit verhandelbar.
Die Beiträge eroberten sich den öffentlichen und institutionellen Raum selbstbestimmt zurück, erzeugten Erinnerungsorte und neue Wissensspeicher und verwiesen zugleich auf Missstände wie auf Potenziale und Möglichkeitsräume und luden dazu ein, eine gerechtere Stadt zu imaginieren. Denn: TAKING SPACE IS A FEMINIST ACT.
Graphic: Critical Entries
Critical Entries wird vertreten durch:
Nora Meynberg, Nina Peters, Laila Wiens